Kapitallebensversicherungen – mehr „cringe“ geht nicht
Vorsorgen ist eine gute Sache: fürs Alter, für die Familie, für den Notfall. Dabei sollte man jedoch auf das richtige Vehikel setzen, das vom individuellen Bedarf abhängt. Wer sich nun fragt, ob eine Kapitallebensversicherung sinnvoll ist und als Vorsorgeprodukt infrage kommt, dem lässt sich schon jetzt sagen: Nein – sie ist es nicht.
Das Wichtigste auf einen Blick:
-
Für die finanzielle Absicherung von Hinterbliebenen ist die kostengünstigere und zielgerichtete Risikolebensversicherung die deutlich bessere Wahl.
-
Eine Kapitallebensversicherung ist nicht sinnvoll: Sie kombiniert intransparente Kosten, niedrige Renditen und unflexible Vertragsbedingungen, die oft zu finanziellen Verlusten führen.
-
Lebensversicherung sinnvoll einsetzen heißt: Separate Risikolebensversicherung und Geldanlage (z. B. ETF-Sparplan) sind wirtschaftlich sinnvoller als Kombinationsprodukte.
Zu Anfang dieses Textes muss ich etwas gestehen: Mein guilty pleasure ist es, mir kurz vorm Zubettgehen die Profile sogenannter Momfluencer auf Instagram anzusehen. Momfluencer sind Mütter, die in sozialen Medien ihr Privatleben (oder besser gesagt eine ästhetische Inszenierung dessen) teilen, indem sie Fotos und kurze Videos auf den einschlägigen Plattformen veröffentlichen – und so als Influencerinnen agieren. Meist haben sie eine Vielzahl an Menschen, die ihren Profilen dort folgen und so ist es wenig verwunderlich, dass viele von ihnen ihr Geld mit Werbung verdienen. Diese muss zwar als solche gekennzeichnet werden, reiht sich aber dennoch recht unauffällig in die übrigen Inhalte ein.
Ich beobachte die Aktivitäten (übrigens ohne den Profilen zu folgen) mit einer Mischung aus voyeuristischer Neugier und einer Prise Fremdscham, die Werbeanzeigen – meist für Federwiegen, Windelabonnements, Spielzeuge, Kosmetikprodukte – ignoriere ich weitgehend. Vor Kurzem habe ich mich aber über eine Werbung geärgert: Eine Influencerin warb mit einem Pärchen-Foto und einem emotionalen Text (scheinbar gerichtet an ihren Partner) zum Thema Geborgenheit, Sicherheit und Familie für eine Lebensversicherung. Jedoch warb sie nicht für eine Risikolebensversicherung, die eine sehr wichtige oder zumindest sinnvolle Absicherung für Hinterbliebene sein kann. Sie empfahl die Kapitallebensversicherung – ein Produkt, dessen Nachteile den meisten Verbraucherinnen und Verbrauchern gar nicht bewusst sind.
Was ist eine Kapitallebensversicherung - einfach erklärt!
Eine Kapitallebensversicherung (KLV) ist eine Kombination aus Geldanlage und Todesfallschutz: Man zahlt regelmäßig Beiträge ein, sorgt damit fürs Alter vor und schützt gleichzeitig die Familie für den Fall des Todes während der Laufzeit. Kurz gesagt ist sie eine Kombi aus Sparen und Absicherung, in der Regel allerdings mit geringer Rentabilität.
Kapitallebensversicherung oder Risikolebensversicherung: Was schützt Hinterbliebene besser?
Nun kommentiere ich grundsätzlich nichts in sozialen Medien, aber beim Lesen dieses Posts hat es mich doch sehr in den Fingern gejuckt. Deswegen möchte ich hier noch einmal festhalten: Der Abschluss einer Kapitallebensversicherung ist niemals sinnvoll – weder zur Altersvorsorge noch zum Vermögensaufbau oder zur Absicherung von Angehörigen.
Auch der Bund der Versicherten (BdV) warnt vor Kapitallebensversicherungen, weshalb mir spätestens seit Beginn meiner Tätigkeit beim BdV bewusst ist, wie unvorteilhaft dieses Produkt ist. Das habe ich so verinnerlicht, dass Werbung dafür - auch noch durch eine relativ junge Person – auf mich nicht nur falsch und anachronistisch, sondern auch hochgradig peinlich (oder auch: cringe) wirkt.
Lohnt sich eine Lebensversicherung dann überhaupt? Ja – aber nur die Richtige.
Möchte man Hinterbliebene für den Fall des eigenen Todes finanziell absichern, gelingt das sehr viel besser mit einer Risikolebensversicherung. Soll bei der Kapitallebensversicherung eine ausreichende Todesfallleistung vereinbart werden, führt das in Kombination mit dem Sparvorgang zu sehr hohen und fast unbezahlbaren Prämien.
Eine Risikolebensversicherung mit ausreichender Versicherungssumme kostet nur einen Bruchteil der Prämie für eine Kapitallebensversicherung. Es ist daher empfehlenswert, den Versicherungsschutz für Hinterbliebene von der Geldanlage für die eigene Altersvorsorge zu trennen.
Risikoschutz richtig absichern – ohne teure Kombiprodukte
Wer Hinterbliebene schützen will, braucht keine Kapitallebensversicherung – eine reine Risikolebensversicherung leistet mehr für weniger Geld. Der Bund der Versicherten erklärt im kostenlosen Infoblatt, worauf es beim Abschluss ankommt.
Nachteile der Kapitallebensversicherung: Darum ist sie ungeeignet
Welche Nachteile hat eine Kapitallebensversicherung? Wer sich mit Lebensversicherungen beschäftigt, stößt schnell auf diese Frage. Drei wesentliche Punkte machen die Kapitallebensversicherung so unattraktiv: Ihr Konstrukt ist intransparent, sie hat eine nahezu unterirdische Rendite und in der Ansparphase ist sie denkbar unflexibel. Die Prämie ist in drei Bestandteile aufgeteilt: der Risikoanteil zur Deckung des Todesfallrisikos, der Kostenanteil für Abschluss und Verwaltung und der Sparanteil. Wie diese Aufteilung im Detail aussieht, also wie viel vom eingezahlten Geld letztlich in den Spartopf fließt, bleibt das Geheimnis des Versicherers.
Lediglich der verbleibende Sparanteil wird mit dem garantierten Höchstrechnungszins von maximal 0,25 Prozent (bei ab 2022 abgeschlossenen Verträgen) verzinst. Ein Thema für sich ist eigentlich die Beteiligung an den Überschüssen einschließlich der Bewertungsreserven. Auf diese haben die Versicherungsnehmer*innen Anspruch und mit ihr werben die Lebensversicherer gern. Hierfür prognostizieren sie die Höhe der möglichen Überschüsse. Die tatsächliche Höhe hängt vom Kapitalmarkt, von der Anlagepolitik des Versicherers, den Verwaltungskosten und der Entwicklung der Sterblichkeit ab. Die lang anhaltende Niedrigzinsphase und viele gesetzliche Änderungen zugunsten der Lebensversicherer haben zu deutlichen Kürzungen bei den Überschussbeteiligungen geführt. Die Effektivrendite einer Kapitallebensversicherung kann – bezogen auf die Gesamtprämie nach Abzug der Kosten – beim aktuellen Garantiezins sogar im negativen Bereich liegen. Lohnt sich eine Lebensversicherung mit solchen Renditeaussichten? Kaum.
Bei den langen Laufzeiten von mehreren Jahrzehnten, auf die das Produkt ausgelegt ist, kann es viele Gründe geben, warum ein Vertrag nicht fortgesetzt werden kann: etwa Familienplanung, Arbeitslosigkeit etc. Das belegt ein Blick in die Statistik, denn deutlich mehr als die Hälfte aller Verträge werden von Versicherungsnehmer*innen vor dem regulären Ablauf gekündigt. Aber benötigt man das Geld schon vor Vertragsende oder möchte beziehungsweise kann man die Prämien nicht mehr bezahlen, muss man teilweise hohe Verluste in Kauf nehmen. Auch diese Inflexibilität zeigt, warum eine Kapitallebensversicherung für die meisten Sparenden nicht sinnvoll ist.
Kapitallebensversicherung: ja oder nein?
Kurz gesagt: Finger weg von Kapitallebensversicherungen! Trennen Sie Risikoschutz und Sparvorgang. Statt Ihr Geld in den Sand zu setzen, sollten Sie - falls nötig - eine Risikolebensversicherung abschließen und für die Altersvorsorge auf eine separate Geldanlage setzen (etwa in Form eines ETF-Sparplans).
Gleiches gilt für private Rentenversicherungen sowie für die Riester- oder Rürup-Rentenversicherungen. Übrigens sind auch andere, vermeintlich moderne Lebens- und Rentenversicherungsprodukte wie Fondspolicen für die Altersvorsorge ungeeignet. Warum? Das können Sie hier lesen.
Ich hoffe natürlich, dass niemand sich von der eingangs erwähnten Instagram-Werbung hat beeinflussen lassen – und nicht einmal die besagte Influencerin selbst das Produkt besitzt. Und falls doch, gibt es fast immer einen Ausweg: Sollten Sie eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen haben, kann Ihnen unser Infoblatt „Ausstieg aus kapitalbildenden Lebens- und Rentenversicherungen“ helfen, die richtige Lösung zu finden.
Das könnte Sie auch interessieren:
Altersvorsorge clever angehen: Geld anlegen mit ETFs – auch als Aktienmuffel!
Zum Studienstart lauern auf Hochschulgeländen Drückerkolonnen von Finanzstrukturvertrieben. Warum Sie oder Ihre Kinder als „Goldfische“ umworben werden und wie man sich vor teuren, unnötigen Versicherungen schützt.
Die Jagdsaison ist eröffnet – Finanzstrukturvertriebe nehmen Erstsemester ins Visier
Finger weg von Sterbegeldversicherungen!
Gewinnmaximierung statt Nutzen Um diese Versicherungen sollten Verbraucher*innen einen Bogen machen
Wir helfen gerne!
Sie haben bereits eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen? Kein Problem. Unsere Beratung hilft Ihnen bei der Entscheidung, wie Sie mit dieser "Altlast" umgehen können und berät Sie zu sinnvollen Alternativen.
Jetzt beraten lassen!