12.10.2023

Die Jagdsaison ist eröffnet – Finanzstrukturvertriebe nehmen Erstsemester ins Visier

Vielleicht sind Sie selbst Studienanfängerin oder Studienanfänger. Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass Sie Freundin, Bekannter, Eltern- oder Großelternteil oder sonstiger Familienangehöriger von jungen Leuten sind, die in diesen Tagen ihr Studium beginnen. Warnen Sie sie vor einer Gefahr, die viel gefährlicher ist als eine verpasste Fete oder eine verpatzte Klausur! Warnen Sie sie vor Drückerkolonnen von Finanzstrukturvertrieben, die den Hochschulcampus unsicher machen und Studierenden überteuerte und nicht bedarfsgerechte Versicherungs- und Vorsorgeverträge aufschwatzen, die pro Fall Schäden von zig Tausend Euro verursachen! Warnen Sie sie vor Menschen, die nur eine Vision haben – die Provision! Und daher provisionsmaximierend mit harten Bandagen verkaufen, anstatt junge Studierende fair zu beraten.

Mit Beginn des Wintersemesters ziehen derzeit wieder viele Erstsemester in die deutschen Hochschulen ein. Rund 400.000 „Ersties“ – so werden die Studienanfängerinnen und Studienanfänger gerne genannt – gehen allein in diesem Herbst an den Start. Und wie stets zum Semesteranfang werden sich vom ersten Tag an auch gleich die Finanzdienstleister um die potenziellen Akademikerinnen und Akademiker „kümmern“. Schon bei der Erstsemesterbegrüßung – also wirklich beim ersten Betreten des Hochschulcampus – werden die Ersties (in der Branche auch als „Goldfische“ oder „Frischfleisch“ bezeichnet) mit kleinen Geschenken bedacht. 

Der Plastik-Rucksack, den alle Erstsemester als „Welcome-Pack“ in die Hand gedrückt bekommen, wird neben dem Hochschul-Logo auch das Logo eines Finanzdienstleisters oder Finanzvertriebs aufweisen. Häufig ist es die örtliche Sparkasse oder Volks-/Raiffeisenbank. Und in der Tasche werden dann die für Studierenden „überlebenswichtigen“ Utensilien wie zum Beispiel Trinkflaschen von Tecis, Stifte und Schreibblöcke von MLP, Gummibärchen von Horbach, Dosen mit Energy-Drinks von Akademiker-Finanz oder Traubenzuckerwürfel der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG) stecken.

Die genannten Produkte und die Zuordnung zu unterschiedlichen Finanzvertrieben sind nur Beispiele – es könnten ebenso Kondome mit Ergo-Logo sein. Bis die Hochschul-Präsidentin oder der Kanzler dann die üblichen Begrüßungsfloskeln spricht, ist die Stimmung wie der Blutzuckerspiegel der Ersties schon gestiegen und das Energy-Drink-Level entsprechend hoch.

Drücker auf Goldfischjagd

Direkt nach der Auftaktveranstaltung werden die „Goldfische“ an vielen Hochschulen gleich im Foyer mit Begrüßungsständen empfangen. Bleiben wir mal beim Beispiel MLP, dessen MLP-Bereichsvorstand in einem Interview sagte: „Die Universitäten sind unser Wohnzimmer“. MLP hat seine Präsenz an Hochschulen geradezu perfektioniert, indem es jeweils eine spezialisierte Drückerkolonne für jede Hochschule bereitstellt. Diese wird im Außenverhältnis natürlich nicht als Drückerkolonne, sondern als „Hochschulteam“ bezeichnet. Jedoch gehören nicht alle Stände zu Finanzdienstleistern oder Finanzvertrieben: auch die AOK, weitere Krankenkassen und zum Beispiel die örtlichen Verkehrsbetriebe laden mit Snacks und Getränken zu Informationsgesprächen ein.

Bei den Ersties herrscht der Eindruck vor, dass Firmen, die auf dem Campus auftreten dürfen, seitens der Hochschule überprüft oder irgendwie qualitätsgesichert worden seien. Doch dieser Eindruck ist falsch. Hochschulen erhalten in der Regel Geld dafür, dass sie den Zutritt auf den Campus gestatten. Oder es gibt Kooperationsvereinbarungen, die den Zutritt zum Campus als Gegenleistung für Sponsoring (etwa Begrüßungs-Rucksäcke) etc. zusichern.

Oftmals geben die „Goldfische“, also die Studierenden, ihre Kontaktdaten her – zum Beispiel, um beim Gewinnspiel von MLP die Chance auf einen Kleinwagen zu erhalten – wenn auch nur für ein Wochenende. Den wahren Hauptgewinn macht natürlich der Finanzvertrieb. Dessen in Manipulationstechniken bestens geschulte Drücker werden ihre „Goldfische“ in den nächsten Wochen intensiv „betreuen“ und in den meisten Fällen einen oder mehrere provisionsmaximierende Verträge abschließen. Wie war das doch, wenn die Lebensvision des Vertriebs in seiner Pro-vision besteht?

Das Ergebnis der „individuellen Beratung“ sind dann überraschend identische oder ähnliche Produktbündel mit den gleichen Bestandteilen und den gleichen Finanzdienstleistern. Zwar erzählt man den Ersties, dass MLP das Beste des Marktes ganz individuell auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten heraussuche. Doch am Ende steht dann regelmäßig die (unvorteilhafte) Kombination einer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) mit einer Basisrentenversicherung (Rürup-Versicherung).

Natürlich sind das nur Einzelfälle und es kann ja gut sein, dass verschiedene Studierende trotz unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Gesundheitszustands die identische Kombination als optimale Problemlösung erhalten (zwinker, zwinker). Aber bei zig identischen Kombiverträgen – immer mit dem gleichen Versicherer – fühle ich mich an meine Großmutter erinnert, die einmal seufzte: „Ich kann kochen, was ich will – es wird immer Gulasch!“

Enormer finanzieller Schaden

Der finanzielle Schaden, der den Studierenden durch nicht bedarfsgerechte, überteuerte und unflexible Produkte entsteht, ist enorm. Er kann – je nach Zeitpunkt der Entdeckung – durchaus bei mehreren zehntausend Euro und in manchen Fällen sogar über 100.000 Euro liegen. Jedoch bemerken die Betroffenen meist erst nach Jahren oder sogar Jahrzehnten, dass sie nicht be- , sondern verraten wurden. Zwar hilft der BdV seinen Mitgliedern bei der Schadensbegrenzung, jedoch wäre es viel besser, wenn junge Menschen solche Verträge erst überhaupt nicht unterschreiben würden.

Wenn Sie sich selbst oder Dritte vor den Machenschaften von MLP usw. schützen wollen, sollten Sie noch folgende „Zugangswege“ der Finanzvertriebe kennen, die über die „Erstsemesterbegrüßung“ hinausgehen:

  • Anwerbung von Studierenden als „freie Mitarbeiter“ und „Vertrauenspersonen“ mit dem Ziel des „peer-to-peer“-Vertriebs. Gehen Sie davon aus, dass in jeder größeren Vorlesungsgruppe mindestens ein – meist aber mehrere – Studierende sitzen, die im Nebenberuf versuchen, ihre Mitstudierenden an Finanzvertriebe zu verraten. Sorry jetzt habe ich mich versprochen: Ich wollte sagen: „finanziell zu beraten“.

  • Einschleusen von Lehrbeauftragten für einfache Grundlagenvorlesungen (Ich habe zum Beispiel persönlich ein trojanisches Pferd (Mitglied eines Hochschulteams) aus unserer Hochschule geworfen, welches sich inkognito bei uns als Lehrbeauftragter eingenistet hatte). Die Studierenden waren zunächst fast enttäuscht, denn er war bei allen beliebt, mit allen per Du und die Noten waren so gut wie die Vorlesungen lustig waren.

  • „Praxis“-Vorträge von Mitgliedern der Hochschulteams in regulären Lehrveranstaltungen. Warum wohl die eigentlich Lehrenden dies zulassen? Von einer Universität in der Nähe hat mir ein „gestandener Professor“ berichtet, dass er unter Druck gesetzt worden sei, einem „Finanz-Strukki“ eine Vorlesung zu überlassen.

  • Sonstige Sponsoring-Aktivitäten. Hier ist die Liste der Möglichkeiten lang. Nur zwei Fälle:
    Fall 1: Beispielsweise bezahlte der Finanzvertrieb Horbach einen Fotografen, der „kostenlose“ Fotos von der Abschlussfeier machte. Diese wurden dann über Horbach geliefert, dazu benötigt man natürlich die Adressdaten der Absolventinnen und Absolventen, die diese auch bereitwillig nannten.
    Fall 2:  Zwei ehemalige Studierende, die für den Finanzvertrieb Tecis arbeiten, boten an, ein Alumni-Treffen zu organisieren und auch die Kosten für ein Buffet zu übernehmen. Die Studiengangleitung nahm das Angebot dankbar an. Das Abendreferat der beiden Studierenden entpuppte sich als eine – nur schlecht verpackte – Werbeveranstaltung für Tecis-Produkte.

  • Zusätzlich bieten viele Strukturvertriebe auch online-Seminare für Studierende an, die in Wahrheit lediglich dem Kundenfang dienen – ganz nach dem Motto: „Mit Speck fängt man Mäuse“. Legendär ist hier zum Beispiel das MLP-Steuerseminar. Nähere Informationen hierzu sowie zur MLP-Mogelpackung „Hochschulinitiative“ finden Sie in verschiedenen Veröffentlichungen (auch Videos) der Bürgerbewegung Finanzwende.

Schlussfolgerung: Gehen Sie davon aus, dass Studierende – insbesondere Ersties – auf dem Hochschulcampus stets als attraktive „Goldfische“ gesehen und bei jeder Gelegenheit von Finanzvertrieblern – auch Mitstudierenden – geködert werden.

Hochschulen sind kein geschützter Raum und – von einigen positiven Ausnahmen abgesehen – tun die Hochschulleitungen nichts, um offene und versteckte Vertriebsaktivitäten der Drückerkolonnen zu erschweren. Im Gegenteil: Wenn zum Beispiel die Universität Mannheim gleich zwei Räumlichkeiten, nämlich das MLP-Forum und den Manfred Lautenschläger-Hörsaal nach MLP und einem seiner Gründer benennt, sollte man eigentlich gewarnt sein. Junge Studierende können diese Zusammenhänge jedoch kaum erkennen.

Auf dem Bild ist Prof. Dr. Hartmut Walz  zu sehen. | © Ulrich Bosetti

Über mich

Prof. Dr. Hartmut Walz ist Professor an der Hochschule Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen am Rhein, Lehrgebiet Finanzkompetenz, Finanzdienstleistungen, für den privatanleger, Anlageklassen und Anlagevehikel sowie Finanzpsychologie / Behavioral Finance. Seit dem 1. Juli 2021 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bund der Versicherten e. V. (BdV).