3.4.2024

„Verhaltensweisen und Entscheidungswege der KI müssen nachvollziehbar sein“

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Mittlerweile kann sie nicht nur Texte, sondern auch Bilder und Videos produzieren, die kaum von menschengemachten Werken zu unterscheiden sind. Was durch die innovative Technologie auf die Branche und Versicherte zukommt und welche Aspekte aus Verbraucherschutzsicht besonders wichtig sind, erläutert BdV-Vorstand Stephen Rehmke im Interview.

Welche Bereiche in der Versicherungswirtschaft werden sich durch KI vor allem verändern?

Nach allem, was man über die Möglichkeiten von KI erfahren kann, wird sie über kurz oder lang sämtliche Lebens- und Wirtschaftsbereiche erfassen und deshalb wird sich ihre Wirkungsmacht auf die Versicherungen kaum eingrenzen lassen. Jedenfalls werden Versicherer enorm viel über ihre Kundinnen und Kunden wissen und dieses Wissen und die damit verbundene Datenmenge auch gezielter nutzen können. Im Kern rechnen Versicherungen mit Wahrscheinlichkeiten und die werden sie immer besser einschätzen können.

Welche Chancen und Risiken birgt das konkret für Verbraucher*innen?

Auf der einen Seite können Versicherte damit rechnen, dass Schäden zügiger und umstandslos reguliert werden. Auch das eine oder andere Versicherungsangebot wird man unkomplizierter erhalten. Man verspricht sich auch, dass Betrugsfälle besser aufgedeckt und in der Folge die Prämien gesenkt werden können. Auf der anderen Seite: Wird die KI nicht auch den Missbrauch erleichtern? Und wie werden Versicherte effektiv vor Fehlinterpretationen oder falschen Schlussfolgerungen der KI geschützt? Auch gibt es die Gefahr unbewusster oder gezielter Manipulationen von Kundenverhalten. Große Herausforderungen stellen sich auch in der Tarifierung und Produktgestaltung. Versicherungen können passgenau kalkuliert werden, aber das wird Auswirkungen auf die soziale Idee von Versichertengemeinschaften und Risikoausgleich haben.

Welche Aspekte sind aus Verbraucherschutzsicht besonders wichtig?

Aktuell geht es vor allem um Transparenz und Kontrolle. Verhaltensweisen und Entscheidungswege der KI müssen nachvollziehbar sein und zugunsten von Verbraucherinteressen auch revidiert werden können. Dafür braucht es hinreichend ausgestattete und effiziente Kontrollinstanzen. Neben der Aufsicht muss es aber auch den Einzelnen möglich sein, Erklärungen und Informationen von den Anbietern und Nutzern von KI-Systemen zu erhalten, um etwa den Verdacht von Diskriminierung oder Übervorteilung nachzugehen. Verbraucherinnen und Verbraucher müssen eine effektive Möglichkeit haben, ihre Rechte wahrzunehmen und durchsetzen zu können. Die Regulierungsansätze des europäischen Artificial Intelligence Acts greifen dies teilweise auf, der nationale Gesetzgeber muss es nun entsprechend ausgestalten.   

Welche Impulse erhoffst Du Dir von der diesjährigen BdV-Wissenschaftstagung?

KI ist vor allem nach den beeindruckenden Ergebnissen von Chatbots wie ChatGPT in aller Munde, doch die eigentlichen Dimensionen der gegenwärtigen und künftigen Einsatzmöglichkeiten sind uns als Beteiligte im Versicherungsmarkt nicht umfänglich klar. Darüber wollen wir auf der WiTa mehr erfahren: Wir lassen uns auf den aktuellen Stand zur KI im Allgemeinen und in der Versicherungsbranche bringen, reden über Vertrauen in KI und den rechtlichen Anforderungen und setzen uns mit ihrem Einsatz im Vertrieb, der Preisgestaltung und der Produktentwicklung auseinander. Noch verhindern die IT-Strukturen der Versicherer eine allzu rasante Entwicklung. Gleichwohl müssen wir uns auf dem Laufenden halten, um die Entwicklung dieser Technologie nicht nur den Expertinnen und Experten zu überlassen, sondern sie auch gesellschaftlich zu begleiten.

Über mich

Als waschechte NGO treten wir vom Bund der Versicherten e. V. seit unserer Gründung im Jahr 1982 für die Rechte der Versicherten ein. Mit rund 43.000 Mitgliedern bilden wir ein Gegengewicht zur Versicherungslobby und sind damit eine der wichtigsten Verbraucherschutzorganisationen Deutschlands.