Vertrauenseinbruch beim Verbraucher
Die Reform des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) sorgt nicht nur in der Versicherungswirtschaft unablässig für Gesprächsstoff. Auch auf der Tagesordnung der 16. Wissenschaftstagung des Bundes der Versicherten am 11. und 12. Mai im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt stand sie im Mittelpunkt. Tagungsteilnehmer waren 150 hochrangige Vertreter aus Wissenschaft, Bundesministerien, Rechtsprechung, Verbraucherschutz und Versicherungswirtschaft. Themen waren unter anderem Lebens-, Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Breiten Raum nahm auch das Zukunftsthema „Seniorenversicherung“ ein.
Eine Übersicht über den Stand der Arbeiten für die VVG-Reform gab einer der Mitautoren des Gesetzesentwurfes, Ministerialrat Volker Schöfisch vom Bundesjustizministerium. Seine Eckpunkte dabei waren „Information und Beratung“, „Gerechter Interessenausgleich“, „Lebensversicherung“ und „Private Krankenversicherung“.
Schöfisch stellte besonders die Abschaffung des Policenmodells und des „Alles-oder-nichts-Prinzips“ heraus. Zum Thema „Beratungspflicht“ versicherte der Ministerialrat, dass es einen „Beratungszwang“ aber nicht geben werde. Es könne durchaus Fälle geben, in denen Verbraucher auf Wunsch auf Beratung verzichten können.
Gern gehört haben wird Schöfisch die Einschätzung von Professor Wolfgang Römer. Der frühere Richter am Bundesgerichtshof und heute vielgeachtete Versicherungsombudsmann titulierte den Gesetzesvorschlag trotz einiger Kritikpunkte ausdrücklich als „großen Wurf“.
Von „schwerem Vertrauenseinbruch bei den Verbrauchern“ dagegen sprach Römer im Zusammenhang mit der Entwicklung der Lebensversicherung in Deutschland. Die Branche habe, geblendet durch traditionelles Denken aus Zeiten der behördlichen Regulierung, des boomenden Kapitalmarktes und der steuerbegünstigten Umsatzzahlen, den Anschluss an die reale Entwicklung der Kundenbedürfnisse verpasst und stehe nach Wegfall des Steuerprivilegs vor dramatischen Folgen: „ Die gehen so weit, dass das traditionelle Produkt der kapitalbildenden Lebensversicherung mit ihrer Garantieverzinsung womöglich vom Markt verschwindet“.
Mit neuer „Transparenz“ will die Versicherungsbranche bei Verbraucher wieder punkten. Dabei kommt es nach den Worten von Professor Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft auf die richtige Information der Versicherungsnehmer an. Dazu zähle die Veröffentlichung aller Bewertungsreserven und die Summe der Schlusszahlungskonten im Anhang der Bilanz. Die Versicherten werden nach Heilmanns Darstellung zudem in ihren jährlichen Statusmitteilungen eine individuelle Darstellung finden, aus der sie entnehmen können, wie sich die Beteiligung an den Bewertungsreserven auswirkt.
Die Branche wird es nicht leicht haben, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Denn sie hat nach den Worten von Römer nicht nur bei Verbrauchern Vertrauensverlust hervorgerufen. Dasselbe gelte auch mit Blick auf die Justiz und den Gesetzgeber. Römer: „Dringendste Aufgabe der Lebensversicherer müsste es danach sein, das Vertrauen in ihre Aussagen und in ihr Handeln wieder herzustellen“.
Das Gegen- und Miteinander privater (PKV) und gesetzlicher Krankenkassen (GKV) war Thema einer engagierten Diskussion über die praxisnahen Beiträge von Dörte Elß von der Verbraucherzentrale Berlin, Lilo Blunck vom BdV, Roland Weber von der Debeka Versicherungsgruppe in Koblenz sowie Professor Dr. Ulrich Meyer von der Universität Bamberg. Die Diskussion leitete Professor Dr. Dieter Rückle von der Universität Trier.
Verloren früher vor allem Privatversicherte ihren Krankenversichertenschutz, weil sie aus beruflichen oder privaten Gründen nicht mehr zahlen konnten, seien es heute mehr gesetzlich Versicherte. Weber bemühte sich, Vorurteile zu widerlegen, nach denen die PKV etwa nur junge und gesunde Menschen versichere, und betonte, dass Vollversicherungsschutz für 120 Euro im Monat nicht zu haben sei.
Professor Meyer attackierte die PKV-Gesellschaften im Zusammenhang mit der Herausgabe der Altersrückstellungen bei Wechsel mit den Worten: „Die Branche mauert.“ Deren Zurückhaltung in dieser Frage entspringe dem Wunsch, „paradiesische Zustände“ zu erhalten. Dabei gebe es durchaus praktikable Lösungen, „aber wer wirkt schon gern an der eigenen Vertreibung aus dem Paradies mit?“
